| Geschichten & Anekdoten |
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Ein Freitag wie jeder andere !!!! Endlich Feierabend! Ich freue mich auf das Wochenende mit meiner Familie. Als ich mich der Bushaltestelle nähere, stehen dort mehr Menschen als sonst. Was ist da los? Schon sehe ich den Grund für die Menschenansammlung: Auf dem Bürgersteig liegt ein verbogenes Fahrrad, daneben ein Mann. Seine blutende Kopfwunde ist schon halb verkrustet, er scheint schon eine Weile hier zu liegen. Wo bleibt denn der Krankenwagen? Ein Mann mit einem Handy sagt: "Ich habe die Polizei gerufen, so einer braucht keinen Krankenwagen!" Der Gestürzte stöhnt laut. Ich beuge mich über ihn, da rieche ich den Alkohol. Die Umstehenden gucken ziemlich angewidert. Dann höre ich folgende Kommentare: "Der verdient es doch nicht, dass man sich um ihn kümmert! Soll er sich doch Totsaufen!" - "Widerlich, diese Penner! Saufen sich von unseren Steuergeldern die Hucke voll!" Ein "feiner Herr" im Nadelstreifenanzug sagt: "Die müsste man alle in ein Arbeitslager stecken!" Vielleicht hat er in seinem Aktenkoffer auch einen Flachmann versteckt! Inzwischen ist die Polizei eingetroffen. Ein junger Polizist geht auf den am Boden Liegenden zu und meint: "Mit so was versauen wir uns nicht unseren Streifenwagen!"Wie heißt es übrigens so schön im Grundgesetz? "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Dieser Satz gilt offensichtlich nicht für uns Abhängige. Als Alkoholiker hat man wohl seine Würde verloren! Niemand käme auf die Idee, zu fragen, warum dieser Mann trinkt. Was wissen all diese Leute davon, wenn man nicht mehr aufhören kann zu trinken! Mir schlägt das Herz bis zum Hals. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Was wäre, wenn ich hier liegen würde? Wenn ich nicht noch rechtzeitig den Absprung geschafft hätte, würde ich heute vielleicht auch diese Demütigungen ertragen müssen. Ich fühle so etwas wie Solidarität mit dem Mann. Was kann ich tun? Wie kann ich ihm helfen? Ich bin nicht der barmherzige Samariter und auch nicht verantwortlich für das Leid dieser Welt. Meine Ohnmacht und Hilflosigkeit machen mich wütend. Am liebsten würde ich all diese Leute anschreien. Aber ich bin leider unglaublich feige. Ich bringe kein Wort heraus. Aufatmend sehe ich, dass nun doch noch der Krankenwagen kommt. Die Sanitäter heben den stöhnenden Mann auf die Trage, bringen ihn weg. Ich glaube, in ihren Gesichtern deutlich die Verachtung lesen zu können. Wo werden sie ihn hinbringen? Hoffentlich gibt es dort Menschen, die sich um ihn kümmern! Vielleicht gibt es auch für ihn noch eine Chance, den Weg zurückzufinden in ein normales Leben! Du Unbekannter, ich wünsche dir viel Glück und Menschen, die dir helfen! Allein hast du kaum eine Chance! Da kommt auch schon mein Bus. Ich steige ein und fahre ins wohlverdiente Wochenende. Ein Freitag wie jeder andere? Evelin Scheiben, Seelzer Freundeskreis / 90 |